Liebe (Nachtrag 1)

Treffen sich 3 Menschen auf einem Aussichtsturm. Der Erste sagt: ‚Toll, dieser Dom dort hinten!’.
‚Besonders sein imposantes Portal’ meint der Zweite.
‚Was, wo?‘ fragt der Dritte verwirrt. ‚Ich seh dort, wo ihr hinseht, nichtmal einen Dom’.
In dieser Situation ist es völlig klar, dass der der am wenigsten sieht

    a) die stärkste Brille, die massivste ‚optische Zuwendung’ bräuchte und

    b) natürlich völlig schuldlos daran ist, dass er gewisse bzw. weit entfernte Dinge einfach nicht sieht.

Unser Gerechtigkeitsdenken dagegen funktioniert umgegehrt und ist noch sehr an das alttestamentarische ‚Aug-um-Aug, Zahn-um-Zahn’- Rachedenken angelehnt.
Wer Böses tut/ getan hat muss büßen! Da wird nicht daran gedacht, dass gerade dieser am meisten Zuwendung bräuchte, da er den schlimmsten (Liebes-, Bewusstheits-, Wissens-, etc.)Mangel hat. Da wird nicht bedacht, dass er gewisse Dinge einfach (noch) nicht sehen kann, die für andere deutlich sichtbar sind.
Jedermensch kann solch einen Mangel, sei es ein Liebes-, Geld-, Herzensbildungs-, Gefühls- oder Wissens- Mangel, haben.

Niemand der einen dicken Mercedes in der Garage und vergoldete Hähne im Bad hat wird auf Diebstour gehen oder alten Frauen die Geldbörse aus der Tasche ziehen.
Niemand, der ein gesundes Selbstbewusstsein und eine nächstenliebe Einstellung hat, wird jemandem Gewalt antun.
Wer sich des Diebstahls, Raubes oder Gewalt oder gar Tötung schuldig macht hat eindeutig ein massives Defizit, das aufgefüllt gehörte, anstatt ihm noch einmal in diese Wunde zu hacken bzw. ihn zu bestrafen.
Oder würdest Du den Aussichtsturm- Besucher der den Dom nicht sieht verurteilen?

 

8 Responses to Liebe (Nachtrag 1)

  1. papamojo sagt:

    Da schreibst du mir aus der Seele, mein Lieber! Auch für mich ist Strafe ein Instrument, das an der verkehrten Stelle ansetzt. Tatsächlich sind es Zuwendung, Verständnis und Hilfe, die einen „Verirrten“ heilen. Strafe ist, klar ausgedrückt, kurzsichtige Symptombekämpfung.

  2. mirena sagt:

    das ist für mich dein berührendster artikel bisher.
    vielen dank.

  3. Inge Henneberg sagt:

    Denke daß man gewisse Dinge nicht vergleichen kann.

    Die Mehrheit der Gewalttäter weiß sehr wohl daß sie Unrechtes tut (Beispiel: ein Vergewaltiger mißbraucht ein Kind und weil sich dieses natürlich wehrt und um Hilfe schreit, tötet er es, damit ist es still und außerdem hofft er nicht entdeckt zu werden.)
    Also ein deutliches Verhalten dafür daß das Bewußtsein etwas Böses getan zu haben absolut vorhanden ist.
    Und solche Täter haben auch kein Liebesdefizit (leben ja oft in Partnerschaften), sie sind ganz einfach „verroht“ und ihr Trieb geht mit ihnen durch, denken nur an ihre eigenen (sexuellen) Bedürfnisse.

    Aktuell wird in Deutschland wieder ein Kind (Mirco) vermißt und ich wehre mich dagegen, dem Täter der dieses Kind auf dem Gewissen hat mit Verständnis entgegenzutreten. So groß kann das Defizit garnicht sein daß ein Mensch sein Verhalten damit entschuldigen könnte.

    Oder – noch ein Beispiel, dieses Mal aus Österreich:

    Der Vater welcher seine eigene Tochter jahrelang im Keller seines Hauses mißbraucht, mit ihr Kinder zeugt, alle diese Personen wie in einem Gefängnis hält, obwohl seine Frau und die anderen Kinder eine Etage höher im selben Haus existieren.
    Sicher er hat sich unnormal verhalten, aber durch welches „Defizit“ wäre das zu entschuldigen? Mir fällt dazu nichts ein.

    Als Letztes: ebenfalls ein Beispiel aus Österreich:

    Als Schulkind von einem Täter gekidnappt, mehrere Jahre im Haus des Täters gefangengehalten und als sich dann endlich irgendwann das Opfer befreien konnte, hat sich der Täter – wohlwissend welch schwere Schuld er auf sich geladen hat, das Leben genommen.
    Auch er wußte daß sein Verhalten unrecht war, kann auch hier kein Defizit erkennen, außer evtl. daß er nur an „sich“ und die Befriedigung seiner Bedürfnisse dachte.
    Könnte diese Beispielliste beliebig fortsetzen.

    Fazit: Wenn solche Täter irgendwann im Zuchthaus landen haben sie genügend Zeit darüber nachzudenken „warum“ sie sich so verhalten haben und werden mit entsprechender Hilfe auch zu einem Ergebnis kommen. Das ist gut so, je länger die Umwelt vor ihnen sicher ist und sie Ursachenforschung betreiben können, desto besser.

    Noch etwas: der übliche Bankräuber lebt wie wir alle im Sozialstaat, er ist also finanziell durchaus versorgt, aber das reicht ihm nicht, er will mehr.
    Auch er hat das Bewußtwein etwas Unrechtes zu tun, warum sonst ist er in den meisten Fällen maskiert? etc.?

    Anstatt eines sogenannten Defizites sehe ich eher eine Art der Verrohung, für die jeder selbst verantwortlich ist.

    Wir sind ja alle absolute Naturliebhaber und eines ist sicher, die Natur ist gerecht. Wer sich nicht an die (Natur)-Regeln hält, sich z.B. falsch ernährt, wird irgendwann bei der Krankheit landen.

    Wer anderen Lebewesen Gewalt antut, sie bestiehlt etc. verhält sich falsch und wird durch unseren Rechtsstaat zur Rechenschaft gezogen – ich nenne das gerecht.

    Fazit: In der Natur erfolgt die Strafe (wenn auch oft etwas zeitversetzt) – und beim menschlichen Verhalten sorgt der Rechtsstaat für die gerechte Strafe.
    Sehe da keinen Widerspruch.

    In beiden Fällen wird nicht nach irgendeinem Defizit gefragt.
    Um bei der Natur und der falschen Ernährung zu bleiben, wir leben im Informationszeitalter, von einem Informationsdefizit kann also wirklich keine Rede mehr sein – und trotzdem ändert die Mehrheit nichts, hoffend daß „der Kelch der Gesundheitsprobleme an ihnen vorbeigehen wird“.

    Aber wir wissen das ist Wunschdenken, wie gesagt: die Natur ist gerecht und unser Rechtsstaat bemüht sich zumindest – es auch zu sein, finde das durchaus richtig.

    • payoli sagt:

      Ja, ‚Informationszeitalter‘, aber leider Lichtjahre von einem ‚Liebes- Zeitalter‘ 😉

    • papamojo sagt:

      Umgang mit Gewalt und anderen Krankheitsformen:

      Ein Forscher ging nach Südamerika zu Ureinwohnern am Amazonas. Er interessierte sich für die Behandlungsmethoden der Schamanen und Medizinleute.

      Kennzeichnend für deren grundsätzliche Einstellung von Krankheit ist, dass zur Behandlung die gesamte Familie des Kranken eingebunden ist. Das zeugt von der Einsicht, dass Krankheit kein nur individuelles Geschehen ist, sondern das Ergebnis einer Wechselbeziehung zwischen den Menschen und ihrer Umwelt ist.

      Individuen sind Spiegel ihrer Umgebung. Sie sind so krank oder so gesund wie diese, da sie nicht von ihr getrennt sind.

      Ich behaupte, dass uns „Zivilisationsmenschen“ der Blick für wirkliche natürliche und glückbringende Werte vorübergehend verloren gegangen ist. Wir dienen zweifelhaften, materialistischen Glaubenssystemen, die von uns selbst wegführen. Das Ergebnis sind Entfremdung und Selbstvergessenheit und in der Folge ist es Blindheit für die Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung.

  4. Inge Henneberg sagt:

    „Informationszeitalter“ war zum Thema: Natur, natürliche Ernährung und Lebenshaltung gemeint – inzwischen sollten doch die Meisten bescheid wissen bzw. in diesem Bereich kein Defizit mehr existieren – aber es ändert sich nichts.
    Daß z.B. jeden Tag Fleisch auf dem Teller ungesund ist – das wissen die sogenannten Experten schon lange und sie sagen das auch – aber es interessiert niemanden, man muß sich nur einmal die Speisekarten der vielen Gasthöfe, Hotels etc. anschauen (lebe ja in einem Touristenort) die bieten das an wonach der Gast verlangt – und das ist eindeutig.

    Und was das sogenannte „Liebeszeitalter“ betrifft: solange die Welt besteht wird es auch das (leider) nicht geben, sehe das halt realistisch.

    Und da sind wir wieder bei den „Tätern“, die ja „bevor“ sie ihre Verbrechen begehen – und das bei vollem Bewußtsein daß es unrecht ist was sie vorhaben – nicht vorher zu einer Beratung gehen (dann könnte ja die LIEBE eines Therapeuten etc. noch das Schlimmste verhindern (Deine Theorie). Da bin ich voll bei Dir, aber die Wirklichkeit bei den Tätern sieht anders aus.
    Wenn dann das Unrecht (falsches Handeln) erst einmal geschehen ist – kommt alle Liebe zu spät – muß „Gerechtigkeit“ geübt werden, so wie es auch in der Natur geschieht. Das „eine“ zieht das „andere“ nach sich.

    Ich bin auch gegen eine Bestrafung z.B. die Todesstrafe, aber für eine lange Inhaftierung um einmal die Umwelt vor diesen Tätern zu schützen und zum anderen damit sie die Möglichkeit haben, sehr lange über ihr (falsches) Tun inkl. der Folgen nachzudenken, nichts dagegen daß ihnen dabei geholfen wird.

  5. papamojo sagt:

    Liebe Inge!
    Verzeih‘ mir, dass ich mich in euren Dialog einmische. Das Thema ist aber sehr wichtig und inspirierend!

    Niemand sollte erwarten, dass alle sofort den rechten Weg finden und gehen. Einige finden ihn früher, andere später und das ist auch vollkommen in Ordnung so.
    Einzig wichtig ist der Zustand deines eigenen Bewusstseins. Mehr kannst du nicht tun und zu mehr ist niemand berufen. Auch das ist gut so, denn es ist genug Arbeit, das eigene Bewusstsein zu klären! Du selbst weißt, was gut ist für dich und was gut wäre für Andere. Ganz sicher wirst du es auch für dich leben. Wenn du ein wenig Geduld hast, wirst du merken, dass auch du zu einer Veränderung beigetragen hast…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: