Kleine Zuwendungen

(Reisebericht Äthiopien)

Ich hab ja bereits in ‚Sex in Äthiopien’ die für mich etwas sehr distanzierten Umgangsformen der Geschlechter angesprochen.
Wie mir jetzt scheint – ganz sicher bin ich mir nicht, da ja mein etwas wortkarger Übersetzer ja auch eingeht in diese Betrachtung – fehlen hier überhaupt die vielen kleinen Zuwendungen und Aufmerksamkeiten, die bei uns bereits teilweise zu Automatismen verfestigt bis verkommen sind.
Ein ‚Guten Morgen’ oder ‚Gut geschlafen?’ sind für uns so selbstverständlich wie ‚Einen guten Appetit’, ‚Gute Nacht’ oder ein ‚Zum Wohl’, wenn jemand nießt.
Auch herzliche ‚Bitte’ oder ‚Danke’s sind zumindest für mich unverzichtbare und ständig gebrauchte Kommunikations- Formeln.
Hier wird maximal mit ‚Salaam’ begrüßt, wobei fallweise zum Händeschütteln die Schultern zueinander geführt werden, was für mich auch keiner herzlichen Geste, sondern eher einem ‚Schulter-drück-Bewerb’ gleicht.
Auch vermeiden die Äthiopier jegliche Verneinungen. Wenn jemand etwas gefragt wird, was er nicht weiß, tut er eher so als habe er nichts gehört als zu sagen ‚Tut mir leid, ich bin selber hier Kunde’ oder etwas ähnliches.

Was zu dem Thema noch gehört und eher umgekehrt abläuft ist der Weißen- Bonus, den man hier hat. Jeder ruft einem irgendetwas zu, winkt einem, will einem die Hand schütteln und die Kinder stürzen sich überhaupt scharenweise auf die ‚Ferencies’ …
Da frag ich mich schon, warum man das nicht mit allen Menschen macht. Jeder ist doch etwas Besonderes, jemand Einzigartiger.
So schön unsere vielen verbalen Zuwendungen sind so schön wäre es doch auch, jedermensch herzlich willkommen zu heißen, neugierig auf ihn zu sein, ihm das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, zu geben …
– Oder ihn zumindest anzulachen und sich zu freuen, dass auch er da ist, sein Leben leben kann und uns das unsrige bereichern könnte …

Es kann natürlich sein, da die Äthiopier weitaus freier und angenommener aufwachsen als unsere Kinder, dass sie diese vielen kleinen Zuwendungen nicht brauchen und sich genügen bzw. kein so schlimmes Liebes- Defizit haben wie wir.
Schön wär’s!
Denn jede Hilfe, jedes Entgegenkommen sollte ja tatsächlich selbstverständlich sein und für sich stehen und nicht bedankt werden müssen. So ungefähr scheinen die Leute hier zu denken. ‚Krieg ich, ist’s gut, krieg ich nicht, probier ich’s anderswo oder nocheinmal’.
Sie scheinen mir also irgendwie eher im Hier und Jetzt zu sein. – Obwohl sie es im Unrechtsfall schon auch heftig können …
Andererseits gilt hier genauso wie m.E. überall, dass einfach eine gewisse Herzlich- und Dankbarkeit immer gut ankommt und des anderen Herz öffnet.

 

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One Response to Kleine Zuwendungen

  1. Inge Henneberg sagt:

    Dieser „Weißen-Bonus“ ist wieder durch die Armut begründet, denn die Menschen dort gehen wohl davon aus, daß die „Weißen“ aus sogenannten Reichen-Ländern kommen, was ja auch meistens der Fall ist.
    Und bei denen ist etwas zu „holen“, also eine ganz normale Verhaltensweise.

    Daher auch das Anhalten der Kinder zum Stehlen, Betteln etc., immer bezogen auf die reichen Weißen.

    Und auch die dort fehlenden- bei uns üblichen Freundlichkeitsfloskeln etc. – würde ich mit der Armut begründen.
    Wer sich täglich um das Notwendigste „sorgen“ muß, hat halt anderes und für ihn Wichtigeres im Kopf als verbale Zuwendungen, da geht es ums nackte Überleben etc..

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