Kinderleid, Kinderfreud

Kürzlich, genauer gesagt nach dem Artikel ‚Mangeldenken‘, überrollte mich förmlich eine Welle der Empörung und des Unverständnisses.
Ich wurde so verstanden, dass Tiere liebevoller mit ihren Jungen umgehen, als Menschen- Eltern mit ihren Kindern.
Natürlich will das keine Mutter, kein Vater so hinnehmen.
Natürlich will niemand seine Eltern so ‚runtergemacht‘ sehen.
Ich verstehe das gut.
Doch es ist so! 😉

ABER, und deshalb wagte ich auch, es zu schreiben, nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Unwissenheit. Ja, nichtmal aus wirklicher Unwissenheit, sondern aus einem ganz perfiden Selbstverständnis heraus, in dem wir alle stecken. Einen Aspekt dieses unseres Selbstverständnisses stelle ich heute dar:

Wir halten es für das Normalste der Welt, dass Zeit vergeht und teilen diese gedachte Zeitlinie in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Für einen Außenbetrachter wäre es noch verständlich und nützlich Geschehnisse nach dieser Zeitachse zu ordnen. Für die ‚bewegten Wesen selber‘, also für uns, für jeden Einzelnen ist das völliger Unsinn!
Wir können nur im Hier und Jetzt wirklich leben und erleben. Alles davor ist ein Erinnern. Alles danach ist ein Fantasieren. Beides passiert im Kopf und ist kein Erleben!
Oder wie es der Dalai Lama ausdrückte:

‚Es gibt nur zwei Tage im Jahr an denen man nichts tun kann.
Der eine ist gestern, der andere ist morgen.
(Das bedeutet dass heute der richtige Tage ist zum Lieben und Leben)‘

Genauso, wenn nicht sogar noch authentischer und direkter sieht oder besser gesagt erlebt das jedes Tier und jedes Kind, die natürlich mit solch zivilisierten, um nicht zu sagen verkopftenen Hirn- Konstrukten noch nichts anfangen können. Das heißt, jedes Kind fühlt sich in jeder Sekunde, in jedem Augenblick normal. Es ist immer ok, so wie es ist.
Und was hört es von seinen Eltern?
‚Das musst Du noch lernen‘, ‚Was willst Du denn einmal werden?‘, etc.
Die Eltern sind sozusagen die Außenstehenden, die wissen, dass das Kleine mal ein erwachsener Mensch werden wird und ein tüchtiger Mensch werden sollte.
Natürlich agieren sie nur wohlmeinend, natürlich sehnen sie schon jeweils die nächste Leistung des Nachwuchses herbei.
Auch wissen sie natürlich um die nächsten Entwicklungsschritte und können deshalb nicht wirklich und ehrlich überrascht werden von den Kindern und verhalten sich dementsprechend ‚Begeisterungs- reduziert‘. Sie eilen sozusagen dem Kind immer voraus. Das Kind ist immer hintennach und damit genügt es nie, ist immer frustriert.

Die einzige Lösung wäre, wenn auch die Eltern lernen würden absolut im ‚Hier und Jetzt‘ zu leben. Also von den Kindern lernen würden … 🙂

 

3 Antworten zu Kinderleid, Kinderfreud

  1. JOHANNA sagt:

    Ja, Leben kann nur im „Hier und Jetzt“ stattfinden – alles was sich außerhalb dieses jetzigen Moments befindet, können wir nicht als das Leben bezeichnen.
    Ein kleines Kind, ein Tier – sie leben unbewusst in der Gegenwart. Ich als Erwachsene möchte aber BEWUSST mein Leben leben. Dabei ist für mich die Herausforderung, nicht ständig mit meinen Gedanken auf Zeitreise zu gehen.
    Wir können viel von den kleinen Kindern lernen und unsere Verwandtschaft im Tierreich zeigt uns Menschen so manches „Ver-rückt-sein“ auf, aber ich möchte nicht deren Lebensweise über die meinige stellen. Die Vergangenheit als etwas Abgeschlossenes und die Zukunft als etwas weniger Planbares, als wir vielleicht glauben möchten, betrachten – auf diese Weise den gegenwärtigen Augenblick leben und möglichst oft genießen. So könnte es gelingen, dass wir unsere Kinder nicht vorantreiben wollen, sondern ihnen jene Sicherheit geben, die sie fürs Heranwachsen benötigen, indem wir ihnen jederzeit zur Seite stehen und ihr SEIN gewähren.
    Herzlichst, JOHANNA.

  2. Susanne sagt:

    Ich habe kürzlich folgende Szene zwischen einer Mutter und ihrem kleinen Sohn an einer Bushaltestelle miterlebt:

    Der Sohn hatte ein kleines Lauffahrrad und stand damit vor der Bank in der Bushaltestelle und die Mutter daneben. Plötzlich wollte die Mutter, dass der Sohn sich auf die Bank setzt und sein Fahrrad beseite stellt. Der Sohn wollte das nicht, war e doch grade glücklich mit seinem Rad, für ihn war alles ok. Die Mutter wiederholte ihre Aussage und verlange von dem Sohn gehorsam. Er setzte sich kurz hin, nahm dann aber wieder sein rad und stellte sich da rein. Die Mutter bestand auf das sitzen auf der Bank und der Sohn wurde sehr wütend und frustriert. Es drückte sich sehr körperlich aus, er setzte sich auf den Boden und stöhnte beinahe und sein ganzer Körper war voller Wut und Anspannung. Dann geschah etwas merkwürdiges, die Mutter sagte immer; bald sind wir zuhause, dann ist wieder alles gut, der Junge sagte „Ja“ war aber weiterhin sehr körperlich frustriert. Obwohl er der Mutter zustimmte. Ich sprach die Frau an und fragte sie ob ich ihr etwas sagen könne. Sie war bereit mir zuzuhören und ich erklärte ihr, warum ihr Sohn so aus meiner Sicht so gefrustet war, denn sie schien den Zusammenhang überhaupt nicht zu sehen.
    Sie sagte dann zu mir, sie erkenne das auch manchmal (hinterher), aber dann ist es oft schon zu spät und dann könne sie, der Glaubwürdigkeit und der Konsequenz wegen, ihre Verhalten ja nicht mehr ändern. Außerdem hatte sie die Befürchtung gehabt, würde der Sohn sich nicht auf die Bank setzten, dass es mit seinem Fahrrad andere Menschen gestört hätte (warum dürfen Kinder eigentlich niemanden mehr stören und warum fühlen sich die Eltern dafür so verantwortlich!?) bzw. gar auf die Straße (!) damit fahren würde. Und sie meinte auch noch erklärend; ihr Sohn wäre schon den ganzen Tag heute so „anstrengend“ gewesen- eine Erklärung die Eltern (mir) oft geben.
    Also hier wurden mir ihre Ängste und Befürchtungen klar, aufgrund derer sie ihren Sohn maßregelte. Auch erlaubt ihr ihre Haltung nicht, ihren Sohn und dadurch ja auch ihre eigenen Verhaltensweisen zu erkennen, zu verstehen und daraus voneinander zu lernen….
    Ähnliches kann man überlall ständig beobachten…..

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