Jakob

Ich möchte Euch gern von Jakob erzählen, an den mich kürzlich eine kleine Gruppe von Dohlen erinnerte, die mich sehr neugierig aber auch skeptisch beäugte.

Ich hatte einen, nicht immer einfachen, aber sehr originellen Onkel, einen sogenannten ‚Wo-viel-Licht-da-viel-Schatten‘- Menschen, der als Pfleger in einer psychiatrischen Anstalt arbeitete.
Einige seiner Patienten liebten es, im Frühjahr in die Bäume des Anstaltsparks zu klettern, Jungvögel herauszunehmen und diese von Hand aufzuziehen.
Ich mag so 8, 9 vielleicht 1o Jahre alt gewesen sein, als besagter Onkel bei uns auftauchte und mir eine junge Dohle mitbrachte. Mir war dieses schwarze Ding mit dem stechenden Blick erst nicht ganz geheuer, erweckte aber doch meine Neugierde. Noch dazu, da mein Vater, ein rührender Vogelliebhaber und Herzensmensch sofort begann, sich mit diesem süßen Kleinen mit den hellblauen Augerln zu befassen.
DohleFür meine Mutter war es völlig klar, dass ihr Schwager dieses unmögliche Vieh, das doch sicher nur schmutzt und Arbeit macht, wieder mitnimmt.
Zu spät! Ein Geschenk vom Onkel. Unmöglich für mich, das NICHT zu behalten! Die Diskussion ging noch einige Zeit hin und her, versank für mich aber immer mehr im Nebel meiner Vogelbeobachtung.
Irgendwann wurde ich aus meiner Betrachtungsversunkenheit geriessen durch einen Schrei meine Mutter: ‚Wenn der jetzt in das Sonntagsessen sch….!‘
Der Vogel war immer wieder kurze Strecken in der Küche geflogen und setzte sich irgendwann auf den Rand eines offenen Topfes. – Mit seinem Hinterteil bedrohlich über dem Topfinhalt. Vom mütterlichen Entsetzen aufgescheucht vollführte die Dohle eine springende 180°- Grad- Wende und kackte danach umgehend außen neben den Topf.
Unser Gejohle und meine Begeisterung waren groß und Jakob, wie er bald hieß, in unser aller Herzen.
Jakob wurde gefüttert und beobachtet, bestaunt und herumgezeigt. Er war fortan mein erklärter Liebling und Lebensmittelpunkt. Er begleitete mich bald zu meiner Schule, um, nachdem ich in dieser verschwunden war, heimzufliegen und die Hühner des Nachbarn zu ‚ärgern‘, indem er sich auf den Dachgiebel setzte und ihr Gackern täuschend ähnlich nachahmte. Auch seine Namen ‚Jakob‘ konnte er relativ verständlich ’nachsprechen‘. Er war mein Schatz und die Sensation für meine Schulkollegen wenn er seine Kreise über unseren Küpfen zog oder von Kinderschulter zu Kinderschulter flog.
Im Herbst, als die Zugvogelscharen sich am Himmel zu formieren begannen, wandte Jakob immer neugieriger werdend sein Köpfchen, um nach oben zu lugen. Mir entging auch nicht, dass er dabei immer unruhiger wurde.
Dennoch war ich völlig fassungslos als er eines morgens mit all diesen Schwärmen verschwunden war. Wie konnte MEIN Freund MICH verlassen!?
Das war einer meiner ersten bewusst erlebten Verlassens- Schmerzen …
Doch setzte dieses selten süße Tier dennoch auch einen Keim in mein Kinderherz, der sich im Laufe der Jahre zu einer sehr ausgeprägten Tierliebe und -Achtung entwickelte und diese wiederum zahllosen Tieren das Leben rettete. – Indem ich sie nicht aß! 😉
Nur zu leichtfertig oft, halten wir Tiere mit ihrem ‚Spatzenhirn‘ für belanglos, für unbedeutend, für dumm. Für Kinderherzen aber sieht das ganz anders aus!
Da kann so ein kleines Vogerl mit ein paar Gesten und Blicken schon auch mal eine Menschenlebens- Weiche nachhaltig stellen … 🙂

 

 

 

Eine Antwort zu Jakob

  1. whitewitch sagt:

    Ich hab mich wiedergefunden in deiner Geschichte. Leider als Mutter! Ich wollte dieses Tier auch nicht, das meine Kinder eines Tages daherschleppten, war dann aber die, die ihn über ein Jahr lang versorgte und lieb gewann. Unser Knopfi hatte irgendein Problem mit dem Flügel und hat seine Abreise etwas verschoben, fliegt jetzt aber auch schon irgendwo in der Weltgeschichte rum. Ich denk zwar immer noch er wird mir mal seine Familie vorstellen, wird aber wohl nicht.

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