Von einem der auszog …

Nein, eigentlich: Das Märchen

Von einem der hochkletterte …

Ein kleines Dorf in einem kleinen Land, mit Einwohnern die sind wie sie sind, da alles immer schon so war. Arbeiten, schlafen, essen, scheißen, fernsehen, vögeln. Im Fasching ein paar Bälle, am Wochenende Buschenschenken. Und das Hauptvergnügen: Über andere Leute, bevorzugt Abwesende, zu tratschen und herzuziehen.
Nie ein Blick nach oben oder in die Ferne, alles flach, vertraut und gewohnt.
Da hinein wurde einer geboren der nicht entscheidend anders, aber vielleicht eine Spur neugieriger war. Er wurde wohl aufgenommen und eingebettet, um nicht zu sagen, zu einem ebensolchen Flachblicker gemacht. Dennoch, seine Neugierde auf mehr, auf anderes, blieb.

HimmelsleiterIrgendwann entdeckte er in dieser flachen Öde eine Leiter. Da stand hinter einem alten Stadl eine Leiter. Einfach so. Kerzengerade in die Luft hinauf. Eine Leiter an der andere Dörfler schon unzählige Male achtlos vorbeigelaufen waren …
Da musste er natürlich rauf! Die ersten Sprossen gingen flott voran. Bald aber begann es mühsam zu werden. Es taten sich Verzweigungen auf, breite Treppen, schmale Leiterabschnitte, gefährlich wackelnde und brüchige Stege …
Aber es wurde auch immer spannender. Der Neugierige sah und erlebte da auf wenigen Metern mehr als all die Jahre davor in seinem Dorf.
Das trieb in weiter, immer höher und höher! Er hatte sein Dorf längst vergessen und fiel nur mehr von einem Staunen in die nächste Herausforderung.
Irgendwie erkletterte er da ein ganz seltsames, nie zuvor gesehenes Gebilde. Unten hatte es mit einer schmalen Leiter begonnen. Jetzt oben war es bereits ausladend und breit. Doch immer noch führten weitere Leitern noch oben die unserem Entdecker alles abverlangten.
Jahrelang mühte und begeisterte er sich in diesem neuen Universum. Dann, irgendwann und plötzlich gab dieses Gebilde einen fantastischen Rundumblick frei.
Unser Freund sank am Rand eines Plateaus auf die Knie und war fassungslos! Fassungslos, was sich ihm darbot. Eine Weite, eine Ferne, die er nie zuvor gesehen, von der ihm niemand erzählt hatte, von der in seinem Dorf niemand wusste.
Und …, er konnte es erst nicht glauben, er sah sein Dorf, sah andere Dörfer, übersah das ganze Land. Und er sah wie durch eine Zauberlupe die Leben der Menschen dort unten. Er sah und verstand plötzlich die Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten.
Es hatte ihn wie ein Blitzstrahl getroffen! So also funktioniert Leben, so läuft alles ab!
Er kam aus dem Staunen nicht raus. Er konnte sich nicht satt sehen, er war überwältigt von der Fülle an Eindrücken, Erkenntnissen und Bildern.

Doch plötzlich … Es traf ihn wie ein Keulenschlag. Von hier heroben, aus dieser Klarheit, erschloss sich ihm plötzlich der ganze Wahnsinn in dem er bisher gelebt hatte, in dem sein Dorf, in dem das ganze Land immer noch lebte. Er sah das unendliche Leid, das unten Normalität genannt wurde. Er sah die vielen unnötigen Arbeiten und Sorgen. Er sah die vielen Tränen die völlig unnötig und oft nur im Geheimen vergossen wurden. Er sah wie einfach, wie schön, wie wunderbar das Leben ist und für alle sein könnte.
Er war völlig verwirrt. Nichts war so, wie alle glauben, dass es ist, wie er jahrelang selber glaubte, dass es sei.
Nichts mehr hielt ihn!
Völlig außer sich, stürzte er sich die unzähligen Treppen, Stufen und Leitern wieder abwärts. Er musste das alles doch sofort den Leuten erzählen!
Ihr Rackern, ihre Sorgen, Probleme und Krankheiten werden im Handumdrehen ein Ende haben fantasierte er schon beim Runterhasten vor sich hin. Keine weinenden Kinder mehr, keine einsamen, siechen Alten, keine Plackereien, keine Kriege mehr …
Er konnte, trotz der erblickten Schönheit von dort oben, sein Ankommen im Dorf nicht mehr erwarten.
Er war ein Weltenretter! Er, der, wie alle anderen auch, immer nur an sich und an den nächsten Vorteil gedacht hatte, würde nun die Welt retten, würde den Menschen vom Paradies erzählen, das jederzeit für alle möglich wäre. Er würde allen Glück und Gesundheit bringen. Es glühten ihm die Ohren vor Begeisterung und Vorfreude.

Endlich! Fester Heimatboden unter seinen Füßen.
Er lief mit offenem Mund, Begeisterung und Vorfreude keuchend durch den Ort und sammelte die Leute die er traf ein. Nahm sie mit sich fort, überredete weitere zum Mitkommen, hetzte weiter …
Fürs Erste reichte ihm das kleine Grüppchen, das er zusammenbitten hatte können als sie beim Dorfwirt ankamen. Sie traten ein, nahmen das Gastzimmer in Beschlag, setzten sich.
‚Ich muss Euch unbedingt etwas völlig Unglaubliches, aber Wunderbares erzählen. Es wird unser aller Leben verändern …’ begann er.
Er erzählte von der Leiter, von seinem Klettern, von der fantastischen Aussicht, von seinen Erkenntnissen und wie paradiesisch alles sein könnte.
Seine Begeisterung ließ ihn aber völlig übersehen, dass immer öfter die Leute die Köpfe zusammensteckten, tuschelten, den Kopf schüttelten und gegen ihre Stirnen tippten.
‚So ein Trottel!’, ‚Der war immer schon komisch, aber soetwas … Nein!’, ‚Der braucht doch einen Doktor!’ war da und dort zu hören …
Nach und nach verließen die Leute den Gasthof. Hatten sie doch endlich enorm wichtige Neuigkeiten von diesem Verrückten weiterzuerzählen …

Das Dorf ist noch immer wie es ist, denn es war ja immer schon alles so. Und an der Leiter gehen weiterhin alle achtlos vorbei. Gilt es doch, dem Nachbarn noch schnell den letzten Tratsch zu erzählen bevor’s zur Arbeit oder vor den Fernseher geht …

Ach ja, der Neugierige! Du fragst nach dem Neugierigen …
Der ist sooo neugierig, dass er sich sogar diese seine Enttäuschung und Ablehnung genau und neugierig ansah und daraus lernte ein sehr entspanntes und mit den neuen Einsichten paradiesisches Leben zu führen.

 
Epilog: Bis auf das Leitergebilde ist alles real, mach- und erlebbar! Das Paradies ist da! Auch wenn wir meinen, uns mühevoll ein Schlaraffenland errackern oder zusammenzuklauen zu müssen …

 

 

 

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2 Responses to Von einem der auszog …

  1. susisu sagt:

    Mmmmmmmmmmmhhhhhh schmatz!
    Dieser Schmatz war längst überfällig und passt nun perfekt für dieses geniale Märchen. Danke, lieber payoli!
    Bussi
    susisu

  2. diegärtnerin sagt:

    Eine sehr schöne Geschichte! Ich werde sie mit Freuden meinen Freunden weiterleiten.

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