Wir Kinder dieser Welt

Nein, nicht über die wirklichen Kinder, die sind mir auch sehr wichtig und bekommen demnächst eine eigene Serie. Über die ‚großen Kinder‘, fälschlich auch ‚Erwachsene‘ genannt möchte ich heute etwas sagen.
Höfliche Menschen, angeblich besonders Chinesen, achten darauf andere nicht bloßzustellen. VerkäuferInnen in meist Bekleidungsläden haben es zur Perfektion gebracht, den KundInnen nach dem Mund zu reden oder überhaupt nahezu in deren Körperöffnungen zu verschwinden.
Die Werbung arbeitet großteils damit aus den ‚großen Kindern‘ Erwachsene zu machen. Das resultiert dann in Produktnamen wie ‚Gewusst wie‘, ‚Denk mit‘, bei denen sich dieses vorgebliche Wissen und Denken aber auf das bloße Kaufen reduziert. Aber mensch fühlt sich eben gut, wenn er das Gefühl hat so richtig erwachsen gewusst oder gedacht zu haben 😉

Oder ein Beispiel aus meinem Bereich: Kaum hab ich irgendwo den Satz ‚95% all unserer Erkrankungen sind Zivilisationserkrankungen und damit selbstverursacht bzw. vermeidbar‘ gesagt, erregt sich auch schon irgendjemand im Sinne von ‚Waaas!? Iiich soll Schuld sein?‘.
Menschen wollen also immer gut und schön und fehlerfrei dastehen bzw. gesehen werden.

Oder wie würdest Du reagieren, sagte Dir jemand ‚Du siehst aus wie eine alte Schlampe‘ oder ‚Du arbeitest wie der erste Mensch‘? Wohl verärgert, abgelehnt, gedemütigt. Oder?

IdentifizierungUnd das ist kindisch!
Oder besser gesagt kindlich. Denn Kinder identifizieren sich vollkommen mit ihrem Teddy, ihrem Spielzeugauto, ihrer Mama. Für sie sind sie damit eins.

Erwachsene sollten schon etwas weiter sein!
Ein Mensch ist ein Mensch! So perfekt oder unperfekt – obwohl es das ja genaugenommen gar nicht gibt! – wie er eben ist. Alles andere, seine Meinungen, seine Äußerungen, seine Kleidung, etc. ist doch nicht er!
All das stellt maximal seine Rolle die er primär spielt dar. Doch selbst das ist nicht er!
Es sollte doch jedermensch möglich sein in Adenauer’scher Größe zu sagen ‚Was schert mich der Unsinn den ich gestern gesagt habe‘ oder ‚Für mich ist grün rot‘.

Was soll das für ein ICH sein, das an der aktuellen Modefarbe haftet und mit der nächsten zerbricht!? Oder ein ICH das nichts dazulernen kann und darf um das geliebte ICH zu bleiben!
Oder was soll das für ein ICH sein, das beleidigt ist über Kritik oder Zweifel an seiner Kleidung, an seiner Meinung, an seinem Auto!? DAs alles ist nicht es! Das ist nicht das ICH!
Ein erwachsenes ICH kann unterscheiden zwischen seinem ICH und Diskussionsthemen, Kritik, Änderungen und Meinungen anderer.

Doch unser ganzes System ist aufgebaut auf dieser kindlichen Sicht! Menschen werden gekündigt, weil sie nicht entsprechen. Dabei hatten sie bloß so gearbeitet wie sie es gelernt oder sich in der vorigen Firma abgeschaut hatten. Sie hätten das jederzeit auch ändern können. Doch sie werden als Ganzes gesehen und abqualifiziert.
Detto in den Schulen. ‚Das ganze Kind‘ wird versetzt, muss das Jahr wiederholen, bekommt ein Ungenügend. Obwohl es vielleicht nur irgendwo eine Schwäche, so wie ein anderes ein rotes T-shirt, hat.
‚Wir haben uns auseinandergelebt‘ ist die Essenz dieses Kinderdenkens und der wohl häufigste heutige Satz. Jaja und der/ die x- beliebig Nächste wird immer genau passen! Soetwas ist Unreife pur!
Da alle so empfindlich, um nicht wieder ‚kindlich‘ zu sagen, ticken ist es auch erforderlich und auch gang und gäbe diplomatisch und taktisch zu agieren, was nichts anderes heißt als verlogen zu sein.
Dabei müsste es doch das Einfachste der Welt sein zu jemandem – hier vielleicht zur Verdeutlichung etwas formalhaft – zu sagen: ‚Ich schätze Dich als ebenfalls bemühtem und mir ähnlichem, in vielem sogar weit überlegenem Mitmenschen unendlich. Aber in dieser Sache verhältst Du Dich ungeschickt‘
Und da man vereinfachend auch sagt: ‚Richtig ist …‘ oder ‚… ist doch viel schöner‘ anstatt ‚Meiner Meinung nach ist … richtig‘ und ‚Ich denke … ist schöner‘ müsste man auch die einleitende Lobhudelei, da sie ohnehin klar und Allgemeingut sein sollte, auch weglassen können.
Doch das Problem in dieser Gesellschaft ist eben die Verpersönlichung allen Tuns und das anerzogene Jeder-gegen-Jeden- Einzelkämpfertum. Deshalb fehlt die, oben formelhaft dargestellte Wertschätzung und jede ehrliche und direkte Kritik wirkt verletzend.

Eine heilsame und wirklich lustige Übung ist, öfter einmal etwas völlig anderes zu sagen oder zu tun als das Gewohnte.
Du wirst damit plötzlich Verhalten an anderen wahrnehmen, die wirklich absurd sind. Du wirst beobachten, dass vieles absolut nicht verstanden, sondern nur auf Reizworte und mit Floskeln reagiert, wird.
Ähnlich absurd, wie sehr sich Menschen oft mit irgendwelchen peanuts die ihnen zufällig zugefallen sind identifizieren und sie nicht von sich unterscheiden können.
Ich denk mir ein wirklich erwachsenes ICH muss nicht immer der/die Beste sein, lernt gerne, ist interessiert an anderen Meinungen, will sich weiterentwickeln und klammert sich nicht an einmal Gewähltes, Entschiedenes.

 

 

 

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