Mein verpfuschtes Leben

12. Oktober 2015

Ich sag Euch, mein Leben läuft nicht so richtig.
Ok, ich leb zwar ein sogenanntes Paradiesleben, werde von so manchen dafür beneidet. Aber die wissen offensichtlich nicht was bei mir so alles abgeht …
Gut, meine Frau mit Asthma und Übergewicht will mich zwar nicht hergeben, obwohl sie sagt, mich Hungerhaken würde keine Frau mehr wollen. Ich könne froh sein, meine zwei jungen Freundinnen bereits zu haben.
Ok, ich bin all meine gesundheitlichen Probleme die mich lange Zeit quälten und die Ärzte erfolglos beschäftigten, los.
Jaja, ich weiß, ich kann tun und lassen was ich will, Aber dennoch …
Ok, ich geh in den Garten oder über Wiesen und finde mir immer etwas Leckeres zu essen. Aber die fetten Pfannen und der Kochdunst! Wieso muss ich das alles entbehren?
Oder mein, nur um 1 Jahr älterer Freund! Der leistete sich kürzlich eine mobile Eiterpumpe um seine Furunkeln am Hintern trockenzulegen. Alles geschenkt! Keinen Cent musste der dafür berappen! Und ich!? Wer schenkt mir etwas?
Ok, ich zahle auch nichts mehr ein, geh ja auch keiner unselbständigen Beschäftigung mehr nach.
zwinkerDer Chef der uns alle abwechselnd zur Sau machte fehlt mir ebenso wenig wie der Mörderstress in der Firma. Aber diese schöne Regelmäßigkeit, dieses Pendeln zum Arbeitsplatz und wieder heim. Das hatte schon was!
Ich kann nicht, nein, ich muss heute tun und lassen was ich will. Ja! Klingt vielleicht gut, aber das muss mensch erst einmal lernen!
Ja, alles nicht so einfach für so einen Paradiesler!
Das sagt auch die Schwester meines Freundes. Die hat zwar meine Vorträge besucht und sich auch in Rohkost versucht. Aber nicht lange. All der Verzicht auf die fast täglichen Bürofeiern – sie ist Beamtin! – war ihr doch zu mühsam. Dafür erzählt sie mir jetzt regelmäßig – sie ist um 5 Jahre jünger als ich – von ihren Arthroseproblemen. Und hält mich damit vom Laufen ab …
Nicht einfach mein Leben jetzt!
Oder das Rauchen! Was meinst Du wie lange das gedauert hat, bis ich wieder wusste was man mit der Rauchhand noch so alles tun kann!? Länger als das morgendliche Gehuste!
Und das Einkaufen! Also die Supermarkt- Besuche, die fehlen mir echt! Diese vielen bunten Bildchen auf den Verpackungen!
Ok, es ist nie drinnen, was draufgedruckt ist, aber das Einkaufserlebnis! Also das habe ich leider, leider nimmer. Ich muss auf Kirsch- oder Apfelbäume klettern. Muss mich um Nüsse oder Erdbeeren bücken. Ich muss abwechslungsreiche Wanderungen machen. Und am Ende kann ich mich bei keiner Kasse anstellen!
Ich kann nur heimkommen und zufrieden sein!
Wenn ich an das Fix-und-fertig- sein von früher denke! Ach! [schwärm] Damit weiß man, wofür man lebt!
Ok, wandern, Tiere beobachten, Blütendüfte aufschnuffeln … Das ist ja auch nett. Aber bitte doch nicht das pulsierende Leben! Wo bleibt da der Druck, die Herausforderung, die Anspannung!?
Da haben die mich von klein an und mühsamst von einem unbeschwerten Kind zu einem linientreuen Leistungsbringer trainiert. Aber das mussten andere tun! Zurücktrainieren muss ich mich selber! – Also, nix mit Honigschlecken, so ein Paradiesleben!
Ok, der Sex ist weitaus besser jetzt, die Sonnenaufgänge und Vogelflüge, das Froschgequacke und die Laubverfärbung sind ganz nett … Aber dennoch: Sagt einmal, mag vielleicht jemand mit mir tauschen? All die Erinnerungen an mein ‚altes Leben‘ verschwinden nach und nach und bevor ich beginne es zu verklären, würd ich lieber mal den Gaspedaldruck, Bezinduft beim Tanken, den Lärm in Großkaufhäusern, den McDo- und Fritteusen- Duft, das Stauen vorm Wochenende, das Einchecken in heimeliger Flughafenatmosphäre, den Verkehrslärm, Bürostress, das viele Telefonieren, Computern und Hasten nochmal erleben.
Tja, so siehts aus, mein verbocktes Leben!
So siehts aus, wenn einem durch dieses Sch…- Paradies sogar jeglicher Humor abhanden gekommen ist …    😉

 

 

 


Was man sich so alles ersparen kann …

4. August 2012

… wenn man Leser und Umsetzer des paradise your life– blogs ist:

Diskretion bitte!

Wir bitten Sie um Diskretion! Bitte Abstand halten! Bitte warten Sie im dafür vorgesehenen Bereich!

So oder so ähnlich lauten die Formulierungen auf Zetteln, Schildern und laminierten Computerausdrucken in schillernden Farben, sobald man sich der Anmeldung in einer Arztpraxis nähert.

Gerne ist auf dem Boden auch eine rote oder blaue Abstandslinie zur Verdeutlichung der Angelegenheit zu sehen. Es ist nicht überliefert, was bei Missachtung der Markierung passiert. Von Todesblicken der mäßig gut gelaunten Oberarzthelferin bis zur Selbstschussanlage ist alles drin, also besser stehenbleiben. Man weiß ja nie.

Die Schlange wird länger, artig quetschen sich alle immer enger hintereinander. Es riecht nach Polonaise, bis dass der eine Patient die Praxis betritt, der die Symmetrie zerstören wird, weil er nicht dauernd eine Tür im Kreuz haben möchte. Er stellt sich seitlich hin. Und dann ist der Damm gebrochen. Aus einer diszipliniert wartenden Menschengruppe wird langsam eine kleine Herde, die sich umeinander knubbelt und wabernd und wogend auf Schuhspitzen und Handydisplays starrt, Krankenkassenkarten auf 50 Grad Celsius knetet, mehrfach das Vorhandensein von 10 EUR (Bitte zahlen Sie passend!!!) oder Überweisung kontrolliert, um dann endlich irgendwann am Tresen zu landen.

Und da stehen sie dann, je nach Naturell leise wispernd oder normal laut sprechend und breiten vor ihrer Herde all die kleinen und großen Sensationen ihres körperlichen Befindens aus.

Frau Meier hat einen hartnäckigen Nagelpilz am rechten großen Zeh und braucht eine Überweisung. Und ihre Schilddrüsenhormontabletten gehen auch langsam zur Neige. Der Herr im Anzug redet etwas leiser, aber die Arzthelferin klärt die Wartenden durch lautstarke Nachfrage schnell auf, dass es sich hier wohl um eine Erkältung handeln muss.

Zwischendurch taucht der Arzt auf und berät sich im Hintergrund mit seiner Kollegin über die Dame aus Zimmer 2, bei der man erst mal sehen muss, ob die Lymphdrainagen etwas bringen. Vermutlich ist das alles ohnehin halb so dramatisch wie geschildert, mal abwarten.

Und so geht es munter weiter, an der Tür stauen sich neue Patienten, und die Diskretion lacht leise und etwas dreckig im Hintergrund, während die Kaffeemaschine vor sich hin blubbert.

Aber eins muss man der Abstandsmarkierung auf dem Boden lassen: sie ist sehr sorgfältig und absolut gerade aufgeklebt worden. Immerhin.

Diese herrliche Satire mit, für Leserbelustigung ausreichend, für Patienten viel zu, vielen Wahrheits- Körnchen stammt von der einmaligen Frau Quadratmeter. Danke!