Der Weg (2)

11. September 2012

Wer sich noch auf Wandern einlässt, wird eine seltene, heute fast schon vergessene Erfahrung machen.
Er wird nicht nur die Strecke Schritt für Schritt er- leben, erwandern oder er- fahren, sondern auch immer wieder an Weg- Gabelungen und Kreuzungen kommen.
Dort muss man sich entscheiden. Man kann nur hier oder da weitergehen. Man kann nur einen Weg – zumindest für diesmal – gehen und muss den anderen unbegangen zurücklassen.
Man muss wählen, sich entscheiden.

Wie aber, nehmen wir das Gehen und Wandern übers Land, als Parabel für unseren Lebensweg, sieht es dann mit unserem heutigen, vermeintlich ‚goldenen Mittelweg‘ aus?
In Ernährungsfragen bin ich mittlerweile fast schon allergisch auf die so oft gehörte ‚gesunde Mischkost‘! Was mischen? Gutes und Schlechtes!? Gesundes und Ungesundes!? Das ist doch völlig verrückt!
Kluge wählen doch den Weg des Besten! Oder?

Was wäre die wandernde Entsprechung zu unserem heutigen ‚Alles und das sofort‘?
Man kann nicht beide Wege gehen! Man kann nicht alles haben. – Ohne sich aufzureiben!

Vielleicht kann dieses Beispiel zeigen, wie irreal unsere heutigen Wünsche oft sind. Wie unbunt sie eigentlich unsere Leben machen …

Sind nicht ungegangenen Wege, unerreichbare Geliebte, Nichtgetanes manchmal stärkere Erlebnisse als alles hektisch bis manisch Durch- Konsumierte?

Könnte es nicht sogar ein Problem sein, dass nur Getanes, nur Gekauftes, nur Besessenes, nur Erlebtes zählt?
Kann man wirklich all das Nichtgetane, Nichterlebte, Nichterreichte als ‚Nichts‘ abtun? – Einfach vergessen? Einfach ignorieren?
Könnte es nicht sein, dass wir uns das halbe Leben vertun, wegwerfen, ignorieren, indem wir keine Wünsche und Sehnsüchte mehr zulassen bzw. in erreichbare Nähe planen?

Nur mal so zum Nachdenken …
– Im Zweifelsfall: Wandern … 😉

 


Der Weg

5. September 2012

Jedes Kind weiß, dass es gerade unsere fortschreitenden Ent- Wicklungen und Er- Fahrungen sind, die unser Leben lebendig machen. Ja, erst das Leben zum Leben machen.
Jeder Schritt, weg vom Bestehenden, vom Bekannten, hin zum Neuen, Unbekannten, in die Zukunft bringt neue Aspekte in unser Leben, schenkt Erfahrungen, lehrt uns.
Jeder Schritt bringt uns unseren Zielen näher, indem wir sie er- fahren, uns ihnen lernend an- nähern.

Wie aber bewegen wir uns im heutigen Leben tatsächlich fort?!
Wir ignorieren den Weg. Wir versuchen gerade das Lehr- und Erlebnisreiche, das Bunte auszuklammern, zu verkürzen. Wir wollen möglichst schnell von A nach B.
Wir wollen ans Ziel, ohne es zu er- fahren.
Wir wechseln wie ‚besessen‘ die Orte und Plätze ohne irgendwo je wirklich anzukommen.

Dementsprechend verlieren wir nach und nach alles Gefühl für Zusammenhänge. Wir leben zusehens in einer ‚zerfallenen Welt‘. Wir haben keinerlei Verständnis mehr für Land und Leute. Der moderne Reisende kann nur mehr die plakativen Mega’s wahrnehmen. Alles neben den Sehenswürdigkeiten verschwindet im Nebel der Beliebigkeit …

Gönn Dir wieder und wieder öfter das Er-fahren mit einem Fahrrad oder er- geh Dich per pedes. Nimm wahr, die langsamen Veränderungen, das Freiwerden der Gedanken, die kleinen Sensationen am Wegesrand, das Spüren des Weges, Deines Körpers, des Windes, der wechselnden Schatten …

Diese wunderbare Welt will in unserem Tempo ergangen und erfahren und nicht durchbraust oder -jettet werden.

Schenk Dir diesen Genuss!
Gönn Dir diese Zeit!
Lass Dich nicht von Anderer Zeitbegriffen drängen bis terrorisieren …
Hol Dir wieder die ‚altmodische‘ Muße in Dein Leben zurück.
Es ist DEINE Lebens- und Genuss- Zeit!

 


1km Leben

9. August 2012

Ich fahr‘ mit dem Rad.

Ein Eichkätzchen quert vor mir in gestrecktem Galopp die Fahrbahn. Ursüß! Ich lächle.

Ich schnappe die Worte ‚wie oft hab ich Dir schon gesagt‘ einer Mutter auf, denke an meine ‚Sünden‘ den Kindern gegenüber und lächle.

Ich durchquere eine Lindenblüten- Duftwolke, bin wie berauscht, fühle mich beschenkt. Ich lächle.

Das surren meiner Reifen am Weg wird mir bewusst. Ich bin dankbar für meine Kraft, das Fahrrad, das wunderbare Umfeld. Ich lächle und fühle mich glücklich.

Ein Landwirt bringt bestialisch stinkende Gülle auf einem Feld aus. Ich denke: ‚Heeee! Eine tolle Erinnerung daran, wie schnell aus einem Körper- Tempel eine schlimme Gärgrube werden kann, wenn man ihn nicht achtsam behandelt‘ und lächle.

Ein Autofahrer schneidet mich auf einer Kreuzung. Ich sehe milde seine unnötige bis lächerliche Gehetztheit und bin zufrieden. Vielleicht lächelte ich auch da.

Ich unterquere eine Baumkrone, die dem Gelärme nach der Sperlings- Treffunkt dieser Gegend sein dürfte. Diese Geschäftigkeit belustigt mich.

Ein Kleinkind in seinem Buggy staunt mich mit großen Augen an. Ich bin verzaubert, winke ihm zu und lache.

Ein mir bekannter Trunkenbold sieht heute aus wie der Oberschlumpf. Ich finde ihn süß und muss lachen über solch eine überperfekte Kopie.

Ich biege in meinen Garten ein und freue mich wie schön er ist.

Ich sehe meinen steinalten, schwerst zuckerkranken Nachbarn und freue mich, dass er noch lebt.

Ich freue mich auf noch viele, viele glückliche und lachende Lebens- Kilometer, Minuten und Stunden.

Ja, ich bin tatsächlich sehr nahe am ‚reinen Toren‘.
Ich lache und lächle ständig. Deshalb bin ich auch allen die mich lachen und lächeln machen dankbar.
Oder sind sind sie gar nicht die Quellen sondern ’nur‘ die Erinnerer meiner inneren Zufriedenheit?
Egal! Ich lächle auch über diese meine krausen Gedanken … 😉

 


Wieder mal ‚Herz‘

15. September 2011

Sieh Dir jeden Weg genau und in aller Ruhe an. Probiere ihn so oft aus, wie Du es für nötig hältst. Und dann stell Dir, einzig Dir, eine Frage. Diese Frage ist eine von der Art, wie nur ein sehr alter Mann sie stellt. Mein Wohltäter hat mir einmal davon erzählt, als ich noch jung war und mein Blut noch zu heftig wallte, um sie zu verstehen. Aber jetzt verstehe ich sie. Ich werde Dir sagen, wie sie lautet: Hat dieser Weg ein Herz? Wenn ja, ist der Weg gut. Wenn nicht, dann ist er nicht zu gebrauchen.
(Don Juan Matus/ Carlos Castaneda)