Gut, dass der gestorben ist

(Reisebericht Äthiopien)

… hätte ich mir fast gedacht, als ich erfuhr, dass ein weitschichtiger Onkel meiner Gastgeber verstorben ist. Denn sein Tod ermöglichte mir, ein sehr ursprüngliches Begräbnis bei sehr ursprünglich lebenden Menschen auf dem Land mitzuerleben.
Ganz so toll war’s dann auch wieder nicht und ich hätte ihm, wenn ich gewusst hätte, was mir dabei so alles ‚blüht’, auch noch gerne ein paar weitere Jahre gegönnt 😉
Denn es war wirklich eine Herausforderung der besonderen Art für mich!
Hitze, dass mir die Haut in Fetzen von den Ohren hing, Läusebisse, dass ich nicht mehr wusste wo ich mich zuerst aufkratzen sollte (eine sehr gute Meditationshilfe! Nicht nur das Denken, sondern auch fürchterlich juckende Bisse wegzumeditieren um einschlafen zu können 😉
Eine 3 x 3 x 3 m- Klo- Grube mit einigen Ästen darübergelegt, auf denen man wackelig steht oder hockerlt, ein Getränk, das man unbedingt trinken ‚muss’, das mein Jüngster schon bei unserem Äthiopienbesuch vor 6 Jahren als unerträgliche ‚Ochsenpisse’ bezeichnet hat, das so ekelig schmeckt, dass ich es gar nicht beschreiben kann und diesmal mit der ‚Verfeinerung’, dass es beim Begräbnis in einem unerträglich heißen Zelt, in unvorstellbar schmutzigen Bechern, inmitten von Trauergästen, die offensichtlich erstmals Weiße sahen und warteten ob die ihr wunderbares Gastgeschenk auch genüsslich genug schlürfen würden, gereicht wurde.
Ach ja, wer sich vielleicht ebenfalls noch an seine Kindheit erinnert oder weiß, wie es aussieht, wenn man Erde mit Wasser vermischt … Genauso sieht dieses ‚T’ella’ aus! Zwischen grau und braun mit oben schwimmenden Hölzchen, toten Fliegen und anderen Schwebstoffen und Humusbestandteilen …
Naja, ich hab’s überlebt! 😉
Interessant dieses theatralische Geschreie und Geweine der Frauen. Ich kannte es nur aus dem Fernsehen und fand es immer blöd bis übertrieben. So hautnah dran aber, muss ich sagen, das hat was und ich fühlte mich bald auf meine, auf eine allgemeine Trauer bzw. unser aller Vergänglichkeit zurückgeworfen und wurde sehr angerührt von der Szene.
Dass so eine Beerdigung hier einen Tag dauert, hunderte Leute anzieht und kaum einen erkennbaren Ablauf hat und alle nur immer wieder herumstehen, palavern, essen, trinken, weinen, wieder ein stückweit gehen, wieder irgendwo im Schatten lagern, weitergehen, warten, etc. war bloß ein weiteres Facettchen dieser für mich völlig fremdartigen Menschen.
Irgendwann dann war der Verstorbene aber doch noch erfolgreich, und nochmal mit viele Theatralik und Gekreische, in einer Grube, in einem Wäldchen, das aus fast nur aus alten Gräbern wachsenden Bäumen besteht, versenkt.
Von der näheren Verwandtschaft des Verstorbenen wurden wir anschließend eingeladen, um nicht zu sagen tagelang festgehalten 😉
Dabei hat mich diese überbordende Gastfreundlichkeit und Liebenswürdigkeit dieser einfachen und armen Menschen fast umgehauen bis angestrengt.
Wenn einem alles abgenommen werden will, wenn Horden mit einem auf’s Klo gehen, wenn man alles kosten muss, ständig sagen ‚muss’, dass in Äthiopien alles ganz, ganz wunderbar ist, wenn man von Kindern bis Urahnen alle x- fach umarmen ‚muss’, wenn man im besten Bett liegen ‚muss’, während alle anderen am – in der Nacht, Schaben- übersäten – Boden lagern, kann das auch anstrengend sein.
Aber ich hab auch das überlebt …
Ich kam sogar mit jedem Tag besser zurecht damit und hab sicher bald nur noch die schönen Erinnerungen in mir; die entzückenden Kinder, diese herzlich lachenden und bezaubernd die Augen niederschlagenden Frauen, dieser unendliche Langmut gepaart mit erstaunlicher Geschäftigkeit, diese herrlichen Avoker- Früchte, dieser unvorstellbare Schmutz und das dennoch ständige Kehren und ‚Saubermachen’, diese unendliche Armut mit dennoch vorhandenen und selbstverständlich genutzten Handys, Fernsehern und DVD- Playern.
Ich könnte mir sogar vorstellen, dass mir irgendwann fehlen wird, nicht mehr nachempfinden zu können, dass mich selbst das ständige und ungenierte Nasenbohren und den Schleim irgendwo hinzuschmieren, nicht mehr störte … 😉
Die auf der Hin- und Rückfahrt gebotenen Akquisitions- und Fahr- Shows waren eine weitere Zugabe dieses verlängerten Begräbnis- Ausfuges.
In Äthiopien fahren Busse nämlich nicht zu fixen Zeiten von fixen Plätzen ab, sondern jeder Fahrer mit seinem Kassier versucht möglichst schnell das Auto vollzukriegen. Bei diesem An- und Ab- ‚Werben’ und ‚Auflesen’ geht es ziemlich aggressiv zu und kann man sich schon mal mehr als Ware, denn als Fahr- Gast fühlen. Bekommen sie den Bus nicht voll oder ein anderer Auftrag winkt, werden die bereits Eingestiegenen auch mal ‚weiterverkauft’ und müssen umsteigen.
Mir macht dieses Gedränge und Geschreie an den besser besuchten Plätzen – in letzter Zeit auch vermehrt vorhandenen Bus- Bahnhöfen – Stress und ich weiß wirklich nicht was besser ist. Unsere Regelt- und Sicherheit, die uns aber schlaff werden läßt oder dieser ständige Kampf, der hier abgeht und Nerven kostet aber doch sehr wach macht …
Die Fahrt selber ist nicht viel besser. Jeder Fahrer liefert so seine eigene ‚Show’. Das beginnt bereits beim ‚Kunden- Überreden’ indem viele immer wieder vorgeben, bereits abzufahren, um Unentschlossene noch reinzukriegen und dadurch ständig Gas geben, anfahren, abbremsen, aus dem Fenster brüllen, gestikulieren, etc.
Während der Fahrt wird so nebenher mit den zahlreich am Straßenrand Stehenden gestikuliert, ob sie vielleicht Kunden sein könnten, obwohl allein das Lenkungs- Spiel mancher Busse einem West- Fahrer schon alle Aufmerksamkeit abgewinnen würde.
Die Fahrt selber ist so unbequem bis schmerzhaft, wie körpernah und abenteuerlich, da die Busse gerne überfüllt werden, die Stahlrohr- Sitze für uns nichtmal als Gartenstühle durchgehen würden und so einen echten äthiopischen – oft auch Tschad (=Droge)- kauenden – Fahrer weder doppelte Sperrlinien, noch uneinsehbare Kurven oder Bergkuppen vom ständigen Überholen abhalten können. Dass ständig, der Straßenverkehrsordnung ebenfalls unmächtige, Tiere die Straßen benutzen, bereichert dieses Abenteuer noch um zusätzliche Ausweich- und Brems- Einlagen oder auch tote Tiere am Straßenrand …
Aber selbst das hab ich überlebt … 🙂

PS: Durch die Internet- Probleme hier, sind meine Beiträge – da teilweise vorausgeschrieben – nicht chronologisch und könnten verwirrend wirken. Zudem könnten an manchen Tagen 2 Beiträge auftauchen. Sorry!

 

2 Antworten zu Gut, dass der gestorben ist

  1. Inge Henneberg sagt:

    Schon gruselig Deine Erfahrungen – man fragt sich wie die dortlebenden Menschen das aushalten, aber der Mensch gewöhnt sich ja wohl an alles?
    Mich interessiert vor allem – hat Du einen Vergleich zu anderen Gegenden in Äthiopien?

    Eventuell hast Du Dir im ärmsten Land der Erde auch noch die ärmste „Ecke“ augesucht oder bestehen im ganzen Land diese Zustände?

  2. Helga sagt:

    Inge, ich kenne nicht viele Orte unserer Erde. Reisende in ihre angeheirateten ausländischen Familien berichteten über ähnliche Verhaltensweisen.
    Und, haben wir hier solche Dinge überhaupt nicht? In anderer Form vielleicht? Und im Vielerlei unserer Gegebenheiten nur dünner angelegt? Wenn ich es recht verstehe, geht es um künstlich Konsens schaffendes Verhalten, das von allen angenommen ist und somit Einheit macht. Ich hätte diesen Ausdruck von innerlichem Nicht-Wirklich-Bezug, natürlich zu sich selbst zuerst, in dieser Gesellschaft nicht erwartet. Naheliegend aber, aus Angst und Armut kommend, die zerstören.

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